Texte

 

Luftiger Tod

Mela Kaltenegger löst mit ihren Arbeiten die Grenze zwischen Humor und Ernst unbekümmert auf, mit Witz und Selbstironie wandelt sie an dieser Grenzlinie, ganz oben am Dachfirst. Dabei verfällt sie in einen Galopp, bei dem zeitweise kein Bein mehr am Boden bleibt, die Momente in denen alles schwebt sind in ihren Werken sichtbar und spürbar.

Überhaupt zeigen ihre Arbeiten märchenhaft und modern schwere Geschichte und luftigen Tod, Jahrtausende entfernt und doch ganz nah und heute. Man sieht Ewigkeit und Sanftmut und gleichzeitig Aussichtslosigkeit und Ende. Einsamkeit, Tod und Liebe in einer vergangenen zukünftigen Perspektive. Sie ignoriert die Zeit mutig und frech mit wienerisch grantigem Charme und erstellt wie aus Scherben geflickt neue, eigenwillige Kompositionen.

Die Künstlerin und ihre Werke beschäftigen sich mit Fragen der Selbstwahrnehmung, wobei der Stellenwert der Weiblichkeit mit Ironie in den Mittelpunkt gerückt wird.

 

Halbe Sache

Der Zauberer zersägt die Jungfrau, die langgestreckt vor ihm liegt. Gegenstand vieler Witze ist, wenn das Kunststück schiefgeht.

Hier hat die Künstlerin Mela Kaltenegger die Frau zersägt. Und es ist nicht schiefgegangen, sondern die Frau ist sauber mittendurch getrennt in zwei Teile.

Sie hat einiges hinter sich. Sie lag einst in Stücken, in Scherben und wurde fein säuberlich zusammengeflickt.

Es geht ihr jetzt gut. Der oberen Hälfte. Sie macht einen Kopfstand. Oder ist sie abgestürzt? Gestürzt worden? Verdammt? Ein entspannter, gefallener Engel.

Die untere Hälfte liegt ganz woanders. Kann sein, dass man erst nach ihr suchen muss. Auf dem Bauch, die Beine verdreht. Sie könnte ohnehin nicht mehr laufen, nur humpeln mit ihrem einen Stöckelschuh. Vielleicht ist sie gestolpert und hingefallen. Vielleicht hatte sie einmal zwei Schuhe, wollte, musste fliehen und hat dabei den einen Schuh verloren. Auch Luzifer hinkt oder trägt nur einen Schuh. Wer vom Jenseits ins Diesseits zurückkehrt, hat nur noch einen Schuh.

Dr. Birthe Blauth, Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin, 2016 

 

Die wirkliche Wirklichkeit

Die Arbeiten vom Mela Kaltenegger schaffen Geschichten: Erlebtes, Erdachtes und Gefundenes wird im Zusammenhang mit Lust zu einer eigenen Realität neu zusammengestellt.

Lineare Serien sollen erzählt, um aufgebrochen zu werden und für einen kurzen Moment eine andere Wahrheit sichtbar zu machen. Dabei wird ein persönliches Umfeld angesprochen, in dem Frauen größere Bedeutung erlangen als die Wahrheit.

Die schnell skizzierten Momentaufnahmen zeigen eine kurze Einblendung der wirklichen Wirklichkeit.

 

Die roten Schuhe

Mela Kaltenegger bringt ihre neuen Arbeiten auf einen Punkt: Lust.

Leidenschaften, Erotik, Sex und Verführung beschreiben die eine Seite von Lust, aber auch die andere Seite, Maßlosigkeit, Verruchtheit, Unanständigkeit, Moralvergessenheit ist nicht wegzudenken.

Ein Begriff, „Lust“, kann vieles gleichzeitig bedeuten und unter einem Dach vereinen, Grenz­ziehungen sind unmöglich, eine genaue Bestimmung scheint undenkbar.

In Verbindung mit dem Märchen „Die roten Schuhe“ weiß Mela Kaltenegger einiges über Lust zu erzählen. „Die roten Schuhe“ ist ein grausames Märchen über eine Waise, in der, von den Reizen roter Tanzschuhe verlockt, die (unmoralische) Lebenslust erwacht und die als Strafe dafür von da an immer tanzen muss, bis sie sich die Beine abschlagen lässt, um endlich dieser Qual ent­rinnen zu können. Das Märchen gibt Stoff für viele weitergesponnene Geschichten in Kalten­eggers Bilderleben, mit dem Unterschied, dass die Künstlerin mehr Mitleid hat, als der ur­sprüng­liche Geschichtenverfasser: Sie lässt die Füße des Mädchens nachwachsen, es darf auch ge­legent­­lich die Schuhe ablegen und zur Ruhe kommen, ausruhen, an anderes denken, die Zwänge vergessen.

In den Bildern kann man sehen, dass sich die roten Schuhe selbständig machen, ein Eigen­leben führen, überall zu finden sind, im Cafe´ z.B. oder Unterwasser, als Sinnbild stehen für das, was das Leben bieten kann. Aber sie können auch festsitzen und nicht einfach abgeschüttelt werden.

Die roten Schuhe stehen oft vordergründig, als leuchtend rotes Zeichen für Erotik und Ver­führung. Das fast schon bedrohliche Symbol erlaubt nicht außer Acht zu lassen, dass man leicht zu weit gehen und übertreiben kann.

Auch die andere Seite der Medaille erhält Gestalt, das zur Ruhe kommen, das Übermaß an Lebens­­­lustgefühlen vielleicht bereuend, da man weiß, übertrieben zu haben, allzu gut gekannte Moral­vor­stellung des Verbots der Maßlosigkeit erinnernd. Die Künstlerin wird zur sanft, nicht lüsternd Lieben­den, ausruhenden, Erlebtes verdauenden Alltagsfrau, die selbst maßregelt, auch den Hund. Eine Ver­drängung der roten Schuhe aus dieser Welt ist aber nicht möglich, der Hinterkopf ist voller Gedanken.

Mela Kaltenegger  setzt ihr persönliches Umfeld künstlerisch um. Menschen und Dinge die ihr nahe stehen, finden Platz in ihrer Malerei. Insbesondere die weiteren drei Mitglieder der Künstlerinnen­gruppe „Die 4 Grazien“, sind häufig in den Arbeiten wiederzuerkennen. Schauplatz ist Wien.

Das Naheverhältnis zu Lust, Leidenschaft und Fruchtbarkeit war immer schon von großer Be­deutung für Kaltenegger, da deren Symbole, beispielsweise Hasen und Frösche, immer wieder in ihren Werken aufscheinen. Ihre Bilder, seien es Portraits, Landschaften, sind durch kräftige Farben und vielfältige Muster charakterisiert.

 

Gasteil

Mela Kalteneggers Akteure sind durchwegs junge Frauen: Erotisch, lässig und selbstbewusst bewegen sie sich in den Bild-Geschichten. Mit besonderer Vorliebe: Kriminalgeschichten! Als Mitbegründerin der Künstlerinnengruppe „Die 4 Grazien“ hat die Absolventin der Malerei- und Graphik-Klasse von Gunter Damisch an der Akademie der Bildenden Künste in Wien gemeinsam mit ihren Kolleginnen nicht nur viele künstlerische, sondern ebenso enge freundschaftliche Gemeinsamkeiten – und ein hohes Maß an Heiterkeit. Heuer feiert man das zehnjährige Bestehen der Gruppe.

In den nun am Gut Gasteil gezeigten Bildern kontrastiert die kühl-blasse Winteratmosphäre den realen Sommerbeginn. Den Hauptteil der Werke nimmt eine von Mela Kalteneggers Krimiserien ein. Eines der Rätselspiele mit dem Betrachter. „Täter“, „Opfer“, „Zeugen“, werden nur angedeutet, die eindeutige Rollenzuordnung wird auch hier verweigert und aufgebrochen. Bis auf den „Kipp-Punkt“ wie Kaltenegger als einzigen konkreten Hinweis preis gibt: „Einmal wird die Wahrheit sichtbar…….“. Jedes Bild erzählt eine Geschichte und ist gleichzeitig Bestandteil einer Bildfolge – 20, maximal 50 Einzelbilder. Siebdruck, Graphik und vor allem Malerei in Eitempera sind die Techniken, mit denen Mela Kaltenegger ihre Themen umsetzt. Der schichtweise Farbauftrag öffnet oder verhüllt Andeutungen, mit dem feineren Pinsel werden Figuren graphisch hineingesetzt, die je nach Zeitpunkt im Arbeitsprozess prominent heraustreten oder unter den dünnen Farbschichten wie in Nebelschwaden verschwinden. Der Hintergrund mit teilweise kräftiger Farbe oder auch pastell-ruhig, immer mit breitem Pinselstrich, gibt die Stimmung wieder. Und dann sind da noch die roten Schuhe, die Kaltenegger von Hans Christian Andersens Märchen „Die roten Schuhe“ in ihre Bilder transportiert, Symbol der Freiheit, des Aufbegehrens, der Sexualität – in unterschiedlichen Ausprägungen, sehr elegant, mit einer manifest erotischen Konnotation –  und wieder einem Schmunzeln. „Entschuldigung, ich muss nach Rom“, lässt die Protagonistin des Bildes ausrichten, zieht mit erwartungsvollem Lächeln ihre knallroten High-Heels am Waldboden sitzend an – und wird in Kürze unterwegs sein…..

Verena Kienast 2012,  anlässlich der Ausstellung „Die falschen Schuhe“, Gut Gasteil